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Geschichte Gurs in den Jahren 1939-1942

Ein Aufsatz von Angela Borgstedt

 

Am helllichten Tag: Am 22. Oktober 1940 wurden – wie hier in Lörrach – die badischen und saarpfälzischen Juden in das südwestfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Die beiden Gauleiter Robert Wagner und Josef Bürckel führten damit die erste planmäßige Deportation von Juden aus Deutschland durch. (Foto: Stadtarchiv Lörrach)

 

1939 - Die Entstehung des Internierungslagers Gurs

Gurs, im südfranzösischen Département Basses-Pyrénées unweit von Pau und dem Wallfahrtsort Lourdes gelegen, ist zum Symbol mehrfacher „Säuberungen“ und Vertreibungen und insgesamt der Systembrüche des 20. Jahrhunderts geworden. 1939 wurde auf dem Hochplateau von Gurs eines jener improvisierten Sammellager errichtet, in dem die französische Regierung die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Spanien internierte: Zivilisten vornehmlich aus Katalonien, Freiwillige der Internationalen Brigaden sowie Soldaten der nun besiegten Republik.

Das Internierungslager Gurs diente der Unterbringung ganz unterschiedlicher Internierter: vermeintlich oder tatsächlich feindlich gesinnter Ausländer während des „Sitzkrieges“ (drôle de guerre), französischer Kommunisten nach der deutschen Besetzung Südfrankreichs 1942, zuletzt nach der Befreiung als Gefangenenlager für Kollaborateure und deutsche Kriegsgefangene.

In der kollektiven Erinnerung ist Gurs mit keiner dieser heterogenen Interniertengruppen substanziell verbunden. Gurs ist vielmehr Synonym der Internierung jüdischer Zwangsmigranten: Flüchtlingen aus dem von Deutschland annektierten Elsass und Lothringen, vor allem aber den Opfern der ersten Massendeportation aus Deutschland, der sogenannten Oktoberdeportation der badischen und „saarpfälzischen“ Juden. Dies macht Gurs zu einem besonderen Erinnerungsort der badischen Geschichte. Als das unter allen französischen Internierungslagern am längsten bestehende ist Gurs überdies symptomatisch für die oft reibungslos funktionierende Kollaboration des französischen Vichy-Regimes mit dem nationalsozialistischen Deutschland.

 

 "Vorhölle von Auschwitz"

Die Karte zeigt Südfrankreich mit den zumeist zu Ende des Spanischen Bürgerkriegs entstandenen Internierungslagern, darunter auch das westlich von Pau gelegene Gurs. (Foto: LMZ Baden-Württemberg)

 

Dass Gurs aber nicht nur für Frankreich, sondern auch für Spanien eine eminente erinnerungspolitische Dimension hat, wird die seit dem Ende der Franco-Diktatur nur zögerliche Aufarbeitung von Bürgerkrieg und den Säuberungen der Nachbürgerkriegszeit wohl noch erweisen. Als der NS-Vernichtungsmaschinerie zuarbeitender Teil des französischen Lagersystems hat Gurs schließlich supranational-menschheitliche Verweisfunktion. Insofern trifft die zeitgenössische Charakterisierung als „Vorhölle von Auschwitz“ nicht nur der herrschenden Zustände wegen zu. Von hier gingen die Transporte ins Sammellager Drancy, der letzten Station vor den Vernichtungslagern Osteuropas.

 

Antifaschisten unerwünscht? Der Entstehungskonnex von Gurs

Juden in Baden: Übersicht über das Konzentrationslager Gurs (Südfrankreich), um 1940 (Foto: LMZ Baden-Württemberg)

 

Für die im französischen Exil lebenden NS-Gegner musste es wie bittere Ironie erscheinen, dass Europas Asylland „par excellence“ die soeben geschlagenen Verteidiger der spanischen Republik hinter Stacheldraht internierte! Etwa 450000 Menschen drängten seit dem Fall Barcelonas über die Grenzen in ein Nachbarland, das sich umso weniger in der traditionellen Rolle des Asylgebers sah, je mehr es die innenpolitisch instabile Situation von außen gefährdet sah: Belasteten nicht die Spanienflüchtlinge einen möglichen Ausgleich mit dem siegreichen Franco-Regime? Und waren sie, waren die zugleich ins Land gekommenen und nicht mehr repatriierungsfähigen Kombattanten der Internationalen Brigaden nicht linke Unruhestifter, die „Fünfte Kolonne“ Moskaus, die womöglich den französischen Teil des Baskenlandes destabilisierten?

Solche vornehmlich in der rechten Presse kursierende Zuschreibungen waren im Jahrzehnt seit 1926 gewachsen und hatten durch zahlreiche politische Attentate Nahrung erhalten und letztlich eine Revision in der Asylpolitik bewirkt. „Sie haben uns wie Feinde behandelt“, sollte sich Miguel Angel Sanz an seine Aufnahme in der einstigen Schwesterrepublik der Volksfront erinnern, die ihn mit 24 530 spanischen Landsleuten und Interbrigadisten im Lager Gurs inhaftierte.

Gurs war ein Barackenlager mit einer Aufnahmekapazität für 18 500 Personen. Im Unterschied zu den improvisierten Lagern am Mittelmeerstrand bot das etwa 80 Hektar große Areal mit seinen 428 Holzhütten wenigstens ein – wenngleich oft undichtes – Dach über dem Kopf. Gleichwohl waren auch die Verhältnisse hier wie in den anderen grenznah errichteten Barackenlagern für beide Seiten untragbar. Die französische Seite setzte auf eine Repatriierung der Spanier und ließ Abgesandte des Franco-Regimes bei den Lagerinsassen für eine Rückkehr werben. Tatsächlich reduzierte sich so die Zahl der Internierten, doch bezahlten Heimkehrer ihr Vertrauen in Amnestieversprechen oft genug mit Freiheitsentzug oder gar dem Leben.

Das Internierungslager Gurs

Mit Kriegsbeginn ersetzten spanische Internierte die Arbeitskraft französischer Wehrpflichtiger in Landwirtschaft und Industrie, etliche kämpften an der Seite der französischen Armee, später im Maquis gemeinsam mit der Résistance ein weiteres Mal gegen den Faschismus. Doch längst nicht alle spanischen Zivilisten, Soldaten und Interbrigadisten hatten Gurs verlassen, als im November 1942 die Deutschen Vichy-Frankreich besetzten. Sie wurden so zu deren Opfer ethnisch-politischer Säuberung. Viele wurden deportiert, darunter der Karlsruher Rechtsanwalt, Sozialdemokrat und Bürgerkriegsveteran August Hoffmann. Im Unterschied zu manchem Schicksalsgenossen überlebte er die KZ-Haft in Lagern wie Dachau oder Mauthausen. Etwa 800 Bürgerkriegsflüchtlinge befanden sich noch in Gurs, als im Oktober 1940 die Deportierten aus Baden und der Pfalz hier eintrafen.

Zu Kriegsbeginn 1939 wurde Gurs zum Internierungslager für nunmehr verdächtige Ausländer, Deutsche, aber auch Angehörige deutsch besetzter Staaten, darunter Anhänger der Nationalsozialisten, primär jedoch deutsche und österreichische Emigranten, darunter viele Juden. Das Gros wurde in den folgenden Wochen und Monaten entlassen, viele Männer direkt in die Arbeit in Landwirtschaft und Rüstungsindustrie, einige auch in die Reihen der französischen Fremdenlegion. Nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich gerieten die zuvor bereits inhaftierten Emigranten erneut in Haft. Gurs wurde zum Sammellager für Frauen und Kinder – etwa 2500 waren es Ende Mai, 9771 am Tag des Waffenstillstands.

Die prominenteste Internierte des Sommers 1940 war Hannah Arendt. In einem Interview äußerte sie rückblickend ironisch, die Feinde hätten Menschen wie sie in Konzentrationslager gesperrt, die Freunde in Internierungslager. Frauen wie Arendt, dazu die während der Kampfhandlungen von Belgien in die südfranzösischen Lager transferierten Juden deutscher oder polnischer Herkunft waren Opfer der Xenophobie einer Zusammenbruchsgesellschaft, die die Kriegsniederlage dem Verrat einer „Fünften Kolonne“ zuschrieb. Ähnliches traf auf die französischen Kommunisten zu, die nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes als Sympathisanten des Kriegsgegners galten und sich nach Kriegsbeginn in Haft befanden. Etwa 1200 zumeist politische Häftlinge aus Pariser Gefängnissen waren ab Herbst 1940 in Gurs.

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