RLP

13.09.2018

Wer die Geschichte nicht kennt, kann nicht aus ihr lernen

Lehrerausbildung an dem besonderen Ort der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert: Damit kein Gras darüber wächst

Unterricht, der ins Herz und in den Kopf geht: Dieses Ziel verfolgten 14 zukünftige Geschichtslehrerinnen und – lehrer des Studienseminars für das Lehramt an Realschulen plus Trier wenige Tage vor der internationalen Gedenkfeier am 15. September 2018 im Dokumentations- und Begegnungshaus der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert in besonderer Weise und verlegten ihren Ausbildungsort vom Wolfsberg an die Gedenkstätte Hinzert. An diesem authentischen Ort stellten sie sich der Auseinandersetzung mit der unerlässlichen Aufgabe, ihren Lerngruppen bei der Behandlung des Nationalsozialismus und seinen Folgen die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewusst zu machen. Unterstützt wurden sie dabei von Steffen Reinhard, dem Pädagogischen Leiter der Gedenkstätte.

 

Im Oktober 1939 wurde in Hinzert für straffällig gewordene Westwallarbeiter ein Haftlager der Polizei eingerichtet und als "SS-Sonderlager Hinzert" benannt. Nachdem das Polizeihaftlager am Westwall im Frühsommer 1940 aufgelöst und dem SS-Sonderlager Hinzert unter der Inspektion der Konzentrationslager (IKL) unterstellt wurde, diente das Lager als "Durchgangslager". Hier wurden insbesondere luxemburgische, belgische, französische und niederländische Häftlinge auf ihrem Leidensweg nach Buchenwald, Natzweiler oder Dachau untergebracht.  10 000 Männer waren hier den Gräuel des Nationalsozialismus ausgesetzt. Nachforschungen des Luxemburger Conseil National de la Résistance können 321 Todesfälle beweisen. Auf der Todesliste des Lagers standen u.a. sowjetische Kriegsgefangene, aber auch zahlreiche Luxemburger Bürger, die sich z.B. gegen die Eindeutschung zur Wehr setzten oder Widerstand in verschiedenen Résistancegruppen leisteten. Man kann annehmen, dass bis heute nicht alle Todesfälle aufgeklärt werden konnten.

 

Vom Konzentrationslager ist heute in der idyllischen Landschaft nichts mehr zu sehen. Gras ist über den Standort des Lagers gewachsen.

 

Sich erinnern,  die Opfer des nationalsozialistisches Terrors nicht vergessen, kein Gras darüber wachsen lassen, das wollen die jungen Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter des Fachbereichs Geschichte des Studienseminars für Realschulen plus in Trier und widmeten sich deswegen an einem Projekttag der Ausgestaltung eines Geschichtsunterrichts, der Erinnerungskultur pädagogisch und motivierend für die Jugendlichen umsetzen kann. In der Auseinandersetzung mit dem Ort und der Ausstellung der Gedenkstätte einerseits und andererseits mit der Beschäftigung mit Zeitzeugenberichten, alten Fotografien, biographischen Aufzeichnungen, Anklageschriften gegen die Täter, Standgerichtsurteilen gegen Häftlinge oder auch künstlerischen Zeugnissen einzelner Insassen  entwickelten die jungen Lehrerinnen und Lehrer kreative und nachhaltige Unterrichtskonzepte. Sie wollen ihre Schülerinnen und Schüler nicht nur für die Folgen von Ausgrenzung und Verfolgung sensibilisieren, sondern auch in die Lage versetzen, wichtige Kenntnisse und Erkenntnisse, begründete Deutungen und ein eigenes Urteil über eine Zeit deutscher Geschichte zu entwickeln, die nicht in Vergessenheit geraten darf.

 

Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, die Ausgrenzung und Unmenschlichkeit zum Ziel haben, zeigen leider allzu deutlich, dass Gegenwart und Zukunft nicht gestaltet werden können, ohne dass die Vergangenheit verstanden wurde.  Hier zeigt sich der wertvolle Beitrag des Geschichtsunterrichts für eine Erziehung zu Demokratieverständnis, Empathie und Rücksichtnahme.

 

Das Staatliche Studienseminar für das Lehramt für Realschulen plus in Trier sieht sich dieser Aufgabe - auch angesichts der gesellschaftlichen Brisanz - im Besonderen verpflichtet und strebt deswegen eine Kooperation mit der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert an, welche zeitnah umgesetzt werden wird und sich nicht nur an das Fach Geschichte richtet, sondern auch die Ausbildungsarbeit in anderen Unterrichtsfächern ergänzen soll.

 

(Sigrid Wagner, Arne Thau, Staatliches Studienseminar für das Lehramt an Realschulen plus)<xml></xml>